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Buchkritik -- Graham Norton -- Eine wie Frankie

Umschlagfoto, Buchkritik, Graham Norton, Eine wie Frankie, InKulturA Im Irland der 1950er-Jahre, einer von kalter Religiosität und erdrückenden Konventionen geprägten Welt, scheint das Schicksal der jungen Waise Francis Howe vorbestimmt. Aufgewachsen bei ihrer strenggläubigen Tante, erwartet sie ein Leben in Bescheidenheit und Gehorsam, kulminierend in der arrangierten Ehe mit einem Geistlichen, der mehr als doppelt so alt ist wie sie. Graham Norton zeichnet in seinem Roman „Eine wie Frankie“ mit eindringlicher Präzision das Porträt einer Gesellschaft, die den Träumen von Frauen Fesseln anlegt und sie in ein Korsett aus kulturellen Beschränkungen zwängt. Als Frankie gegen dieses vorbestimmte Leben rebelliert, ist die Spannung zum Greifen nah, so meisterhaft fängt Norton die klaustrophobische Atmosphäre ihrer Heimat ein.

Frankies Flucht führt sie aus der ländlichen Enge Irlands in das pulsierende London der 1960er-Jahre, wo sie in der Wohngemeinschaft der weltgewandten und kultivierten Nora eine neue Welt entdeckt. Es ist der Beginn einer Odyssee, die sie von der Londoner Theaterszene bis in die New Yorker Kunstwelt der 1970er- und 80er-Jahre führen wird. Norton beschreibt seine Protagonistin nie explizit als schön, doch die Reaktionen ihrer Mitmenschen auf ihre stille Präsenz lassen ihre außergewöhnliche Anziehungskraft erahnen, eine Anziehungskraft, die oft Eifersucht hervorruft und ihr Leben unweigerlich in neue Bahnen lenkt.

Interessanterweise ist Frankie eine zutiefst passive Figur. Sie ergreift selten die Initiative, sondern lässt das Leben an sich geschehen, eine Eigenschaft, die in den Händen eines weniger erfahrenen Autors die narrative Spannung untergraben könnte. Doch Norton gelingt es, die Geschichte so dicht und reich an Details zu weben, dass Frankies Passivität nicht als Schwäche, sondern als konsequente Charakterzeichnung erscheint. Sie ist eine Frau, die nie etwas vom Leben erwartet hat und deren Triumph am Ende bittersüß bleibt. Im Zentrum dieser epischen Lebensreise steht die komplexe und sich wandelnde Beziehung zu ihrer Freundin Nor, die das eigentliche emotionale Herzstück des Romans bildet.

Norton erweist sich einmal mehr als ein Meister der leisen Töne und der präzisen Beobachtung. Sein Stil ist fein geschliffen, kein Wort ist überflüssig, und doch entfaltet die Erzählung eine beeindruckende Fülle. Er fängt mit großer Sorgfalt die Atmosphäre verschiedener Epochen und Milieus ein, von der aufkeimenden lesbischen Szene Londons bis zum Ausbruch der AIDS-Epidemie in New York. Wie schon in seinen früheren Romanen gelingt es ihm, das Leben gewöhnlicher Menschen, die in einer oft rauen Welt ihren Weg suchen, mit großer Empathie und ohne jeglichen Kitsch zu porträtieren.

„Eine wie Frankie“ ist eine wunderschöne, zarte und zugleich epische Geschichte über die unterschiedlichen Wege, die das Leben einschlagen kann, und die beständige Kraft einer tiefen Freundschaft. Ein intimer und erhabener Roman, der seine Leser durch Nortons Porträt einer widerwilligen Heldin von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht.




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Veröffentlicht am 3. Januar 2026