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Buchkritik -- Ulrich Woelk -- Hellere Tage

Umschlagfoto, Buchkritik, Ulrich Woelk ,Hellere Tage, InKulturA Die Kunst des Neubeginns

Es gibt diese Leben, die nicht leise aus der Spur geraten, sondern mit der Wucht eines gut organisierten Zusammenbruchs. gönnt seiner Protagonistin Ruth Lember gleich zu Beginn von „Hellere Tage“ genau ein solches Arrangement: kein schleichender Verfall, sondern ein präzise getaktetes Beben. Die Ethikprofessorin an der Humboldt-Universität, Mitte fünfzig und bislang auf der sicheren Seite des reflektierten Daseins, steht plötzlich vor den Trümmern ihrer eigenen Biografie. Ehe zerlegt, Wohnung geräumt, die Nähe zur Stieftochter Jenny auf brüchigem Fundament, die akademische Stellung diskret marginalisiert. Und als wäre das nicht ausreichend, stirbt der Vater, die letzte Bastion einer wohlgeordneten Herkunft gleich mit.

Doch der eigentliche Sturz folgt posthum. Im Nachlass des Vaters finden sich Briefe, die ein zweites Leben freilegen: eines, das Ruth nicht kannte, oder nie kennen sollte. Homosexualität, verschwiegen, verschattet, und womöglich eingeschrieben in ihren eigenen Namen. Plötzlich steht nicht weniger zur Debatte als die Herkunft des eigenen Selbstbildes. Es ist dieser Moment, in dem Woelk den Roman aus der Komfortzone psychologischer Plausibilität hebt und in jene schmerzhafte Zone verschiebt, in der Identität zu einer nachträglichen Konstruktion wird.

Dass all dies nicht im luftleeren Raum geschieht, versteht sich beinahe von selbst. Woelk montiert Gegenwart wie ein gut sortiertes Feuilleton-Dossier um seine Figur: die Verhaftung der RAF-Terroristin , Debatten des Ethikrats, Fragen nach der Normativität von Familie, nach der Freiheit von Forschung und Lehre, ein diskursives Grundrauschen, das weniger Kulisse ist als vielmehr Resonanzraum. Und doch bleibt Ruths eigentliche Bewegung eine rückwärtsgewandte: in die eigene Vergangenheit, in die Zeit des Aktivismus, in eine beinahe trotzig wirkende Lust am Regelbruch, in die emotional leicht verwahrlosten Liebesgeschichten ihrer Jugend. Diese Rückblenden sind keine nostalgischen Fluchten, sondern insistierende Störungen, ein Refrain, der daran erinnert, dass kein Leben je wirklich abgeschlossen ist.

Der Versuch, sich selbst noch einmal zu entwerfen, nimmt dann jene leicht tragikomische Wendung, die große Literatur von bloßer Problembeschreibung unterscheidet: Ruth sucht ihr Heil bei einem linksautonomen Alt-Hippie, einer Figur, die weniger Rettung verspricht als vielmehr eine Karikatur vergangener Utopien darstellt. Es ist eine Beziehung, die von Beginn an weiß, dass sie scheitern wird, und gerade darin eine eigentümliche Wahrhaftigkeit gewinnt.

Parallel dazu tastet sich Jenny durch die üblichen, aber nicht minder existenziellen Zumutungen des Erwachsenwerdens: Studium, Identität, Begehren, Familie, alles in der Schwebe, alles vorläufig. Und hier, fast wider Erwarten, gelingt Ruth das, was man pathetisch als moralische Pointe bezeichnen könnte: Während ihr eigenes Leben zerfällt, wird sie für Jenny zum Fixpunkt. Sie spendet Halt, wo sie selbst keinen mehr hat, stiftet Zugehörigkeit, wo ihr die eigene abhandengekommen ist. Es ist eine leise, unspektakuläre Größe, die Woelk seiner Figur zugesteht, und vielleicht die einzige, die in einer derart entgleisten Welt noch glaubwürdig wirkt.

All das erzählt er in einer Sprache, die sich der Versuchung zur Gravität klug entzieht: elegant, präzise, gelegentlich von einem fast boshaften Witz durchzogen. Die Dialoge sitzen, die Szenen tragen, und immer wieder blitzt eine Komik auf, die nicht verharmlost, sondern entlastet. „Hellere Tage“ ist damit weniger ein Roman über den Neuanfang als über dessen Unwahrscheinlichkeit, und gerade darin überaus überzeugend. Denn die eigentliche Frage lautet hier nicht, ob man noch einmal von vorn beginnen kann, sondern ob man dem eigenen Leben überhaupt entkommt. Woelks Antwort fällt, bei aller erzählerischen Leichtigkeit, bemerkenswert nüchtern aus.




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Veröffentlicht am 27. April 2026