Diese Webseite benutzt keine Cookies!!!.
Der Absturz als Auftakt
Ein Autor lässt sich auf den ersten Seiten seines eigenen Romans sterben. Das ist entweder ein Marketingeinfall von bemerkenswerter Dreistigkeit oder ein literarischer Kunstgriff von nicht geringer Chuzpe. Wahrscheinlich beides.
Im Prolog erlebt der Leser die letzten Sekunden eines Bestsellerautors und passionierten Freeclimbers mit, der bei einem Kletterunfall in die Tiefe stürzt. Der Mann trägt den Namen Marceau Miller, und damit exakt denselben Namen wie der Autor auf dem Buchcover. Man kann dem Roman vieles vorwerfen, mangelndes Selbstvertrauen jedenfalls nicht.
Nach seinem spektakulären Abgang hinterlässt Miller eine Ehefrau und zwei Kinder. Wenige Wochen später erhält die Witwe Sarah Post von einem Anwalt. Die Nachricht führt zu einem bislang unbekannten Schließfach, in dem sich ein Manuskript befinden soll: Millers letzter Roman. Darin wolle er die Wahrheit über das rätselhafte Verschwinden seiner Schwester Jade enthüllen.
Die Ausgangsidee besitzt zweifellos das Potenzial für einen fesselnden Thriller. Ein toter Schriftsteller hinterlässt ein Manuskript, das womöglich die Lösung eines jahrzehntealten Geheimnisses enthält, das klingt nach jener Art von Stoff, bei der man als Leser bereitwillig die halbe Nacht opfert. Leider zeigt sich einmal mehr, dass eine gute Idee noch lange kein gutes Buch ergibt.
Sarah glaubt nicht an einen Unfall und beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Je tiefer sie gräbt, desto mehr verliert sie den Boden unter den Füßen. Sie hetzt von Ort zu Ort, von Verdächtigem zu Verdächtigem, vernachlässigt ihre Kinder und entwickelt dabei eine beinahe manische Besessenheit, die zwar nachvollziehbar angelegt ist, sich jedoch zunehmend in bekannten Thriller-Mustern erschöpft.
Natürlich bleibt sie dabei nicht allein. Da gibt es die beste Freundin und Geschäftspartnerin am Genfer See, deren Ehemann sowie einen alten Schulfreund des Verstorbenen. Wie es sich für einen Kriminalroman gehört, trägt jeder sein Päckchen mit sich herum. Unter der gepflegten Oberfläche der bürgerlichen Existenz verbergen sich Geheimnisse, Lügen und alte Verstrickungen, die angeblich alle irgendwie mit Millers Tod zusammenhängen.
Was folgt, bewegt sich leider allzu oft auf ausgetretenen Pfaden. Die Witwe ermittelt, legt sich mit der Polizei an, gerät selbst ins Visier der Ermittler, und immer wieder geschehen rätselhafte Dinge zur exakt richtigen Zeit. Den Gipfel der Unfreiwilligkeit erreicht der Roman in einer Szene, in der Sarah vor einem Mann flieht, der sie offensichtlich töten möchte. Nachdem dieser ihren Reifen zerstochen hat, wechselt sie zunächst seelenruhig das Rad. Der Leser fragt sich an dieser Stelle weniger, wer der Täter sein könnte, als vielmehr, weshalb niemand auf die Idee kommt, einfach in den Wald zu laufen. Zumal Sarah die Gegend kennt wie ihre Westentasche.
Dabei besitzt das Buch durchaus Qualitäten. Besonders die Schauplätze gelingen eindrucksvoll. Der Genfer See, die steilen Felswände und die ausgedehnten Wälder entfalten eine atmosphärische Präsenz, die den Roman streckenweise trägt, wenn die Handlung ins Stocken gerät. Man spürt, dass der Autor seine Landschaften besser kennt als manche seiner Figuren.
So bleibt „Das letzte Buch von Marceau Miller“ eine durchaus solide Lektüre, die jedoch weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, welche ihre raffinierte Prämisse weckt. Die Spannung entwickelt sich nur schleppend, die Wendungen überraschen selten, und die großen Enthüllungen wirken eher pflichtschuldig als erschütternd. Der eigentliche Reiz des Romans scheint weniger in seiner Geschichte zu liegen als in dem geschickt gepflegten Rätsel um die wahre Identität des Autors. Vieles an diesem Erfolg erinnert daher an jene literarischen Moden, die für kurze Zeit überall Gesprächsstoff liefern und wenig später ebenso spurlos verschwinden wie manche Figur in diesem Buch.
Am Ende bleibt weniger ein außergewöhnlicher Thriller als ein bemerkenswert erfolgreich vermarktetes Versprechen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 15. Juni 2026