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Heimkehr als Kampfbegriff
Seit dem von einem kleinen, lautstarken und politmedial bestens vernetzten linken Milieu das sog. „Potsdam-Treffen‟ zur Keimzelle einer rechtsradikalen Verschwörung hochstilisiert wurde, die angeblich nichts weniger zum Ziel haben sollte, eine millionenfache Abschiebung auch (inzwischen) deutscher Staatsbürger zu initiieren, ist der Begriff „Remigration‟ zu einem Terminus politischer Diskriminierung geworden.
Wir erinnern uns: Als „Potsdam-Treffen“ wurde ein Zusammenkommen rechter und konservativer Akteure im November 2023 nahe Potsdam bekannt. Politisch-mediale Sprengkraft erhielt das Treffen durch spätere Veröffentlichungen, in denen von weitreichenden „Remigrations“-Plänen und einer Art geheimem Masterplan die Rede war. Die Berichte lösten bundesweite Proteste und eine aufgeheizte Debatte aus. In den folgenden Monaten entstand jedoch selbst eine Kontroverse um die Darstellung des Treffens: Kritiker warfen Medien und Rechercheplattformen Zuspitzungen, irreführende Verkürzungen und eine politisch motivierte Dramatisierung vor; juristische Auseinandersetzungen über einzelne Aussagen verschärften den Streit zusätzlich.
Wobei wir uns mitten im Thema befinden: Es gibt Bücher, die gelesen werden wollen, und solche, die sich wie ein politischer Zwischenruf in den öffentlichen Raum werfen. Gerald Grosz’ „Ab nach Hause‟ gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Der österreichische Publizist und ehemalige Politiker schreibt nicht, um zu versöhnen, sondern um zuzuspitzen. Seine Sprache kennt keine vorsichtigen Annäherungen, keine akademischen Distanzierungen und keine beruhigenden Fußnoten der Relativierung. Stattdessen formuliert Grosz eine Fundamentalkritik an der europäischen Migrationspolitik der vergangenen Jahre, laut, polemisch und mit jenem Furor, der seine Anhänger begeistert und seine Gegner zuverlässig empört.
Im Zentrum des Buches steht die These, dass Deutschland und Österreich seit der Migrationskrise von 2015 eine Entwicklung durchlaufen hätten, die nicht nur ihre sozialen Sicherungssysteme überfordere, sondern auch ihre kulturelle und politische Stabilität gefährde. Grosz beschreibt die Grenzöffnung der damaligen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel als historischen Wendepunkt, als jenen Moment, in dem staatliche Kontrolle durch moralische Symbolpolitik ersetzt worden sei.
Der Autor zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die sich zunehmend entfremdet fühlt: überforderte Kommunen, ein angespannter Wohnungsmarkt, steigende Kosten im Sozial- und Gesundheitssystem sowie eine – polizeistatistisch nachweisbar – unverhältnismäßig hohe Kriminalitätsbelastung durch Teile migrantischer Milieus. Dabei bewegt sich Grosz rhetorisch stets auf Konfrontationskurs. Begriffe wie „Bevölkerungsumbau“ oder „Raub der Heimat“, die im etablierten politischen Diskurs meist als Kampfbegriffe der Rechten gelten, verwendet er nicht als Provokation am Rand, sondern als zentrale Beschreibungskategorien seiner Diagnose.
Gerade hierin liegt die eigentliche Sprengkraft des Buches. Grosz schreibt nicht gegen einzelne politische Fehlentscheidungen an, sondern gegen ein gesamtes gesellschaftliches Milieu, das sich in einem Kulturkrieg gegen die Mehrheitsbevölkerung befindet. Kirchen, NGOs, Gewerkschaften, Medien und Teile der politischen Klasse erscheinen in seiner Argumentation als ideologische Akteure eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbaus. Migration wird dabei nicht als humanitäre Herausforderung verstanden, sondern als politisches Instrument zur Transformation nationaler Identitäten.
Seine Gegner halten diese Sichtweise – natürlich – für analytisch verkürzt oder politisch brandgefährlich, ignorieren lässt sie sich allerdings nicht. Denn Grosz formuliert etwas, das in weiten Teilen Europas längst unterhalb der offiziellen Diskurse gärt: das Gefühl vieler Bürger, dass über Migration zwar ständig gesprochen werde, jedoch selten in einer Sprache, die ihre Sorgen ernst nimmt, ohne sie moralisch zu belehren.
Besonders interessant wird „Ab nach Hause‟ dort, wo Grosz versucht, den mittlerweile hoch aufgeladenen Begriff der „Remigration“ politisch zu definieren. Anders als seine Kritiker behaupten, versteht er darunter keine wahllose „Massenabschiebung“, sondern die konsequente Rückführung jener Personen, die sich illegal im Land aufhalten oder dauerhaft keinen Aufenthaltsanspruch besitzen. Seine zentrale Forderung lautet schlicht: Ein Staat müsse das Recht behalten, zwischen legaler Zuwanderung und illegalem Aufenthalt zu unterscheiden, und diese Unterscheidung auch praktisch durchzusetzen.
Ob man diese Position teilt oder nicht, hängt letztlich weniger von einzelnen Zahlen oder Statistiken ab als von einer grundsätzlichen politischen Frage: Wie belastbar ist der Nationalstaat im Zeitalter globaler Wanderungsbewegungen überhaupt noch? Grosz beantwortet diese Frage mit maximaler Eindeutigkeit. Für ihn steht fest, dass Europa an einem Kipppunkt angekommen sei, kulturell, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch.
Grosz schreibt mit der Wucht eines politischen Kommentators, nicht mit der Gelassenheit eines Sozialwissenschaftlers. Seine Kapitel, faktengesättigt und statistisch belastbar, sind Kampfräume, keine Denkseminare. Gerade dadurch erzeugt das Buch jedoch jene eigentümliche Spannung, die seine Werke so erfolgreich macht: Sie liefert keine Ambivalenzen, sondern Gewissheiten.
Und vielleicht liegt darin auch der eigentliche Grund für die Aufmerksamkeit, die Bücher wie dieses erhalten. Während große Teile des politischen Feuilletons sich in vorsichtiger Sprachhygiene üben, formuliert Grosz kompromisslos, was andere höchstens andeuten. Er spricht die Sprache der Zuspitzung in einer Zeit, in der viele Bürger den Eindruck gewonnen haben, dass politische Realitäten hinter semantischen Nebelwänden verschwinden.
„Ab nach Hause‟ ist deshalb sowohl ein Sachbuch als auch ein Symptom. Es dokumentiert die tiefe Erschöpfung eines Teils der Bevölkerung gegenüber einem politischen Betrieb, der über Jahre hinweg den Eindruck vermittelte, Migration sei vor allem ein moralisches und kaum ein ordnungspolitisches Thema. Dass seine Bücher so erfolgreich sind, ist weniger Ursache als Folge einer Debatte, die zu lange entweder hysterisiert oder tabuisiert wurde.
Ohne Frage, das Buch polarisiert. Die üblichen Verdächtigen werden dieses Buch nicht mögen. Sie werden seine Sprache ablehnen, seine Schlussfolgerungen kritisieren und seine Diagnose für überzogen halten. Doch gerade darin besteht seine politische Relevanz: Es zwingt dazu, sich mit einem gesellschaftlichen Unbehagen auseinanderzusetzen, das längst nicht mehr an den Rändern existiert. Und vielleicht ist das die größte Erkenntnis dieser Lektüre.
Seien Vorschläge zur Lösung der multiplen Probleme, die sich aus jahrzehntelanger politischer Ignoranz ergeben haben, könnten zielführend sein, wenn sie denn in die Realität umgesetzt werden würden. Das dürfte allerdings bei dem derzeit herrschenden politischen Personal ein Desiderat bleiben. Dabei, auch das betont Gerald Grosz, ist der Kipppunkt, der Point of no Return, nicht mehr weit entfernt.
„Ab nach Hause‟, lesen und weitersagen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 29. Mai 2026